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Auf der Suche angekommen
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Auf der Suche angekommen
-mein erster Besuch in einem Kinderhaus-
Erlebnisbericht einer Hospitantin aus den neuen Bundesländern
Im Rahmen ihrer Ausbildung zum Montessoripädagogen hospitieren Lehrer und Erzieher in anerkannten Montessorieinrichtungen. Lesen sie doch einmal, wie Besucher unsere Einrichtung erleben.
Im Dezember besuchte ich das Montessori Kinderhaus St. Nikolaus in Dürscheid. Es war für mich die erste Einrichtung für Vorschulkinder im Westen Deutschlands, das erste Kinderhaus und das erste Mal eine Vorschuleinrichtung in Trägerschaft einer Kirche, die ich besuchen würde. Bis dahin hatte ich meine Vorstellungen über die Arbeit in Kinderhäusern aus Büchern und aus dem Internet. Die Pädagogik Maria Montessoris war für mich ein relativ neues Gebiet. In der Ausbildung war über Montessori, ihre Pädagogik und ihre Arbeit mit Kindern ein Schleier des Vergessens gelegt worden. Ohne Zusammenhang wurden Prinzipien dargestellt und negativ Betrachtet. Hauptkritikpunkt war das fehlende „Gruppenverhalten“. Außerdem wurde ein Überbetonen des Lernens, mangelnde Freude und zu wenig Raum und Zeit zum Spielen vermutet.
Vor meinem Besuch in Dürscheid kannte ich nur Kindergärten in Ostdeutschland, die aus den Kindergärten der DDR hervorgingen und auf der Suche nach einer neuen eigenen Identität waren bezw. sind. Eine Verbindung dieser Kindergärten zu Montessori war/ist nur schwer zu finden.
Vor mir lag ein beruflicher Neubeginn in dem neu gegründeten Kinderhaus in Magdeburg. Die Räume in Magdeburg waren noch leer. Ohne Kinder, ohne Material, ohne Möbel, ohne Pädagogen.
Ich wollte für mich wissen:
Wie wird Montessori-Pädagogik im Kinderhaus gelebt?
Wie anders gehen Kinder und Pädagogen mit einander um?
Was können Kinder „leisten“, wenn sie so anders Lernen?
Kann mich diese Pädagogik überzeugen?
Kann sie eine Herzensangelegenheit werden?
Ist das der Weg, den ich gehen will?
Mit Betreten des Vorraumes befand ich mich in einer besinnlichen, vorweihnachtlichen Atmosphäre. An den Fenstern und Wänden begrüßten keine von Erzieherinnen sorgfältig gebastelte Weihnachtsmänner die Gäste. Es dudelte keine Weihnachtsmusik aus CD Playern. An den Pinnwänden konnte man keine Bilder mit Wunschzetteln, überhäuft von Konsumwünschen, finden. Es blendete kein künstliches Licht und auf den Fluren liefen die Kinder nicht eilig und ziellos umher. Kein lautes Wort, keine Hektik, alles strahlte Ruhe und Geborgenheit aus.
Der Altar im Vorraum war zurückhaltend aber festlich geschmückt. Es Brannte eine Kerze. Niemand der daneben stand und Kinder über die Gefährlichkeit einer brennenden Kerze belehrte. Ein Kind führte mich in den Gruppenraum der roten Gruppe, die bereits mit der Arbeit begonnen hatte. Ich setzte mich etwas abseits um zu beobachten, wie ein Vormittag im Kinderhaus verläuft.
Der Raum war nicht sehr groß, trotzdem arbeiteten etwa 24 Kinder im Alter von 3-6 Jahren ruhig und konzentriert.
Gewöhnlich schwirren viele laute Worte, die ständig das eigene Tun oder das anderer Kinder kommentieren durch den Raum, wenn so viele Kinder so eng bei einander sind. Hier war eine ungewohnte Ruhe zu hören.
Die Kinder sprachen leise und respektvoll mit einander. Niemand schob ein anderes Kind aus dem Weg. Die Zeit schien langsamer zu laufen. Kein Kind, das nichts tat. Ganz ohne äußere Zwänge und Vorschriften hatte jedes etwas Wichtiges zu tun. Es war spürbar, wie konzentriert einzelne Kinder arbeiteten. Trotz der Bewegung war es nicht unruhig.
Die Erzieherinnen saßen zwischen den Kindern, keine von ihnen tat sich hervor durch Ansagen, was, wie zu tun sei. Alles was die Kinder taten war ihre eigene Arbeit, ihre eigene Erkenntnis, ihr eigener Erfolg. Die Hinweise und Anregungen waren so formuliert, dass die Kinder von selbst auf den nächsten Schritt kommen konnten. So dass den Kindern ihr Tun bewusst wurde.
Ich sah einen Gruppenraum, der durch eine klare Struktur, sehr stark von den bekannten Gruppenräumen abgrenzte. Nicht überfüllte Spielzeugberge aus Plastik und grellbunten Farben bestimmten das Bild, sondern Spiel – und Arbeitsmaterialien, aus natürlichen Materialien mit angenehmen Farben und einfacher Struktur. Alltagsgegenstände für Kinderhände gemacht, waren an Orten untergebracht, wo sie von den Kindern gebraucht wurden. Jedes Ding hatte seinen Ort. Jedes Material hatte etwas besonderes an sich, das es galt auszuprobieren, oder ein Geheimnis, das herauszufinden sei. Weil das Material in den offenen Regalen bereit stand, hatte jedes Kind zu jeder Zeit die Möglichkeit , an jedes Material allein heran zu kommen. Erstaunlich war, dass der offene Zugang zu allen Materialien keine Zuteilung durch die Erzieherin erforderlich machte. Klare Absprachen und verinnerlichte Regeln sorgten dafür, dass es keinen Streit um ein Material gab, obwohl jedes Material nur einmal oder begrenzt vorhanden war.
Nach einem genauen Beobachten wurde deutlich, dass der Gruppenraum in bestimmte Bereiche ein geteilt war. Die Ausgestaltung des Raumes war zurückhaltend. Blumen, Pflanzen, ein Adventskranz, selbst gefertigte Wandteppiche aus Stickbildern schmückten den Raum.
Offene Regale grenzten die einzelnen Bereiche von einander ab und doch waren sie mit einander verbunden als ein Ganzes. Diese klare Struktur und Ordnung gab den Kindern eine spürbare Hilfe zur Orientierung.
So gab es zwei Regale in denen Materialien zu finden waren, die mathemathische Vorstellungen fördern sollten. Perlenketten, Karten mit Ziffern, geometrische Körper. Vor den Regalen stand ein Tisch, wo Kinder sich mit Materialien aus dem Mathematikbereich beschäftigten. An einem Tisch saß ein Mädchen, etwa 5 Jahre alt und schrieb auf einer Kassenrolle Zahlen. Als ich mich zu ihr setzte, erklärte sie mir, womit sie sich beschäftigt.
Das Mädchen hatte gerade auf der Kassenrolle die Zahl 428 geschrieben. Ich fragte sie, ob sie diese große Zahl auch lesen kann. Sie beantwortete meine Frage in dem sie die Zahl nannte. Dabei stellte ich fest, dass sie alle vorherigen Zahlen bis zur 428 in fortlaufender Reihenfolge auf die Rolle geschrieben hatte. Am Anfang waren die Ziffern noch etwas unsicher geschrieben, manchmal in Spiegelschrift und man konnte erkennen, wie sehr sie sich dabei angestrengt hatte. Aber nun, bei der Zahl 428 waren die einzelnen Ziffern sehr sorgfältig geschrieben. Das Mädchen erklärte mir, wie sie diese Zahl schreiben konnte. Neben der Zahlenrolle hatte sie Kärtchen mit Ziffern auf dem Tisch liegen. Der eine Stapel Kärtchen war schmaler als die anderen. Auf den einzelnen neun Karten standen die Ziffern von 1 bis 9 in grüner Schrift. Die Karten des nächsten Stapels waren etwas breiter als die des ersten. Auf ihnen standen die Ziffern 10,20,30,40,50,60,70,80,90 in hellblauer Schrift. Die Karten des dritten Stapels waren wieder etwas breiter. Auf den einzelnen neun Karten standen die Ziffern 100,200,300,400,500,600,700,800,900 in roter Schrift. Vor ihr lagen einzelne Karten so über einander, dass die Karte mit der 400 ganz unten lag. Die Nullen der Zehner- und Einerstelle war mit der Karte 20 abgedeckt. Die Einerstelle ( Null9 der Zwanzig wurde mit der 8 abgedeckt. Dazu erklärte mir das Mädchen: die Einer sind 8, die Zehner sind 2 und die Hunderter sind 4. Also vierhundertundzwanzig. Mit dieser Erklärung setzte sie ihre Arbeit fort ohne sich weiter um mich zu kümmern.
Ganz in der Nähe sah ich nun die Erzieherin mit einem kleinen Weidenkörbchen, in dem die geometrischen Körper lagen. Zehn glatte, blaue Holzkörper, mit spürbarem Gewicht. Die Namen der Körper wurde so verwendet, wie sie in der Geometrie angewendet werden. Es wurdealso von einem Zylinder, einem Kegel, einer dreiseitigen und einer vierseitigen Pyramide, einem vierseitigen Prisma, einem Kubus, sowie einer Kugel, einem Elipsoid und einem Ovoid gesprochen. Besonders die beiden ungewöhnlich klingenden Namen Ovoid und Elipsoid verwendeten die Kinder stolz. Vor der Erzieherin saß ein Kind mit dem Rücken zur Erzieherin gewand. Sie ließ einen der Körper über seinen Rücken rollen. Ganz geduldig, ohne Eile. Zwei andere Kinder schauten zu. Das Kind schien das Gefühl zu genießen, zwei andere Kinder schauten zu. Das Kind schien das Gefühl zu genießen. Sie fragte nach dem Namen des Körpers. Als das Kind den Namen nicht nennen konnte, fuhr sie mit der Bewegung fort und nannte noch einmal den Namen. Es fand keine Bewertung statt. Das Kind hatte jetzt noch mal die Gelegenheit zu spüren, wie sich der Körper anfühlt und hörte noch einmal den Namen des Körpers.
Ein weiterer Bereich, dem eine eindeutige Eingrenzung des Themas zugeordnet werden konnte, waren die Regale mit den Materialien zur Sprache. Besonders in Erinnerung ist mir ein Buchstabenteppich. Ein dickes Tuch, das die Buchstaben des Alfabeths in üblicher Reihenfolge darstellt. Jeder einzelne Buchstabe war aufgestickt und von einem Quadrat umgeben. Dazu gehörte ein Körbchen mit Alltagsgegenständen und Figuren. Für jeden Buchstaben war ein Gegenstand vorhanden, dem ein Kind den jeweiligen Buchstaben zu sortierte. Als das Kind, das mit dem Teppich arbeitet bemerkte, dass der Buchstabe zu dem es den Gegenstand gerade legen wollte schon belegt war, verstand es, dass einer der beiden Gegenstände nicht zu diesem Buchstaben passen konnte. Für diese Erkenntnis brauchte es keine Korrektur durch eine Erzieherin, es hatte den Fehler selbst erkannt. Fehler sind oft ausschlaggebend, dass Kinder schnell aufgeben und eine angefangene Sache nicht mehr zu Ende führen wollen. Erstaunlicherweise ist bei diesem Kind die Motivation nicht zurück gegangen, sondern der Fehler hat das Kind gestärkt. Es wurde ihm nicht langweilig, auch die anderen Gegenstände zu zusortieren. Als am Ende der Arbeit jeder Buchstabe einen Gegenstand hatte, begann er zufrieden alles wieder auf zuräumen und an seinen Platz zurück zu stellen.
Neben dem Sprachbereich, abgegrenzt durch Regale war eine weihnachtlich gestaltete Religionsecke zu finden. An der Wand ein schlichtes Holzkreuz und auf dem kleinen Altar brannte eine Kerze. Vor dem Tisch stand ein kleiner Stuhl. Die Ecke war sehr klein gehalten, aber so bot sie einem einzelnen Kind die Möglichkeit, sich zurück zu ziehen, Bücher und Geschichten zur Religion zu lesen oder zu beten. Auf dem Fensterbrett war die Weihnachtsgeschichte mit künstlerisch anspruchsvollen Figuren dargestellt. Eine kleine Lichterkette verbreitete eine besinnliche Stimmung.
In diesem Bereich waren auch die Glocken zu finden, die der Schulung des Gehörs und des Musikverständnisses dienen.
In unmittelbarer Nähe befand sich ein Regal mit Handarbeitsmaterialien. Wolle in Körbchen, nach Farben sortiert. Nadeln, Stickstoffe und Webrahmen. Hier saß eine Erzieherin und half den Kindern, die an Stickbildern und Webrahmen arbeiteten beim Einfädeln oder Vernähen der Fäden. Sie gab ihnen Hinweise, wenn sie beim Sticken nicht weiter kamen. Aber es blieb die Arbeit der Kinder. Ich war fasziniert von der Geschicklichkeit der Kinder, selbst die ganz Kleinen gingen mit Nadel und Faden sicher um. Die kleinen Kunstwerke waren als Geschenke gedacht. Die Kinder warenganz Stolz auf die Mühe und die Zeit, die in diesen Arbeiten steckte. Ich dachte, wie verständnislos ich die Bastelarbeiten meiner Kinder ansah, wenn ich wusste, das sie eigentlich das Werk der Erzieherin waren. Auch für meine Kinder hatten diese Geschenke keinen Wert.
Hinter der Handarbeitsecke durch ein Regal getrennt befand sich ein Platz zum Lesen und Bücher anschauen. Auch hier gab es keine undurchsichtige Fülle von Büchern, sondern ein ausgewähltes Angebot an anspruchsvollen Büchern.
An der Rückseite der Leseecke war ein Bereich zu finden, der eine Vielfalt an Materialien zur Kosmischen Erziehung anbot. Zu den Materialien gehörten verschiedene Landkarten, deren Einzelteile herausnehmbar sind. Die einzelnen Länder oder Kontinente sind mit unterschiedlichen Farben gestaltet. Und nur auf die äußere Form reduziert. Das zusätzliche Material bringt dann die weiteren Informationen. (Namen, Hauptstädte, Flaggen, Tiere)
So ein spannendes, vielfältiges nutzbares Material vermutet man nicht in Kindergärten. Es scheint sich festgesetzt zu haben, dass Geografie und alles was man über Erde, die Kontinente, andere Länder, Tiere und Menschen und das Zusammenleben erfahren kann, viel später vermittelt werden kann. Bei vielen Kindern wird dann das wache Interesse an diesem Thema schon längst vergangen sein.
Am Fenster war der von den Kindern gebastelte Adventskalender zu sehen. Keine prall gefüllten Geschenkesäckchen, sondern Hirten und Schäfchen aus Schafswolle.
Daneben saßen zwei Kinder in der Frühstücksecke und frühstückten. Nach dem Essen stellten sie ganz selbstverständlich ihr Gedeck in die Spüle, wuschen das Geschirr ab. Der Platz wurde so vorbereitet, dass ein anderes Kind frühstücken konnte.
Der Vormittag wurde mit einem Gesprächskreis beendet. Gemeinsam sangen die Kinder Weihnachtslieder und spielten eine kleine Weihnachtsgeschichte, die sie am Nachmittag den Großeltern vorspielen wollten. Sie sangen ohne Playback einer Musikkassette, wie es in vielen anderen Kindergärten üblich ist. Die meisten Kinder kannten den Text sehr gut und sangen so, dass man merkte, dass sie das, was sie singen auch wirklich verstanden haben.
Als ich das Kinderhaus verlassen hatte stand ich noch eine Weile vor dem Haus, um meine Eindrücke zu sammeln. Eine so angenehme Atmosphäre, gefüllt mit Ruhe, Zufriedenheit, konzentriertem Arbeiten, einem anderen Zeitgefühl, Interesse und Aufmerksamkeit, Sicherheit und Struktur habe ich noch nicht erlebt. Hier wurden die Chancen genutzt den Kindern auf dem Weg ins Leben grundsätzliches mitzugeben.
Meine Unzufriedenheit mit der Arbeit in den Kindergärten war in den letzten Jahren immer mehr angewachsen. Ich hatte mich so unverstanden gefühlt, dass ich so auch nicht mehr arbeiten wollte.
Ich wollte die Chancen nutzen, die ein Kindergarten mit seinen Pädagogen und Eltern den Kindern bieten kann.
Ich wünsche mir Kindergärten in dem jedes Kind
- die Möglichkeit hat mit Spaß zu lernen
- Antworten auf seine Fragen bekommt
- des Fragens nicht mehr müde werden
- interessiert und aufmerksam durch die Welt läuft,
- seine Stärken spürt und nicht gebremst wird beim Lernen
Ich hatte im Kinderhaus in Dürscheid gesehen, dass sich der Blick auf die Kinder ändern muss.
Lernen muss erlebt, gefühlt, gehört und gesehen werden. Kleine Schritte, Geduld, Wiederholungen, Fehler sind nötig um Großes zu verstehen. Jedes Handeln sollte ein Ziel haben, das durch strukturiertes Vorgehen, Genauigkeit und Freude am Tun am besten erreicht werden kann.
Mit großer Erwartung sehe ich dem Ende des Diplomkursus entgegen. Ich bin sicher, dass mein erster Einblick in die Montessori Pädagogik für meine weitere Arbeit stark prägend sein wird.